Natürlich ist die Schweiz keine Insel! Auf allen Seiten gut eingebettet zwischen unseren grossen europäischen Nachbarn fühlen wir uns sicher und stark. Doch gilt dies auch aus Sicht Energie-Zukunft? Aus Sicht Energie-Zukunft – und hier mit Fokus Elektrizität – müssen wir davon ausgehen, dass sich die Schweiz auf ein Inseldasein hin entwickelt. 

Wie stark, das hängt von uns selber ab, aber auch vom benachbarten Ausland. Es geht dabei nicht nur um die viel diskutierte so genannte Winterstromlücke, deren Ausmass und wie sie gefüllt werden könnte. Sondern es geht auch darum, wie die Schweiz bei einem möglichen Ausfall einer Anlage aufgestellt ist. Eine elektrische Insel zu sein bedeutet nämlich, zu jedem Zeitpunkt mindestens so viel Produktionsreserve am Netz zur Verfügung zu haben, wie die grösste einspeisende Einheit im Netz. In unserem Fall also eines der noch laufenden Kernkraftwerke. Diese sogenannte „Backup-Leistung“ muss bei Bedarf innert Fünfzigstelsekunden verfügbar sein und netzparallel bereitstehen, da sonst die Synchronisation mit dem Stromnetz zu lange dauert. Um dies zu gewährleisten, müssen also im Prinzip mehrere Anlagen ununterbrochen laufen, ohne dass ihre Produktion aber im Normalfall gebraucht würde, um in einem Notfall sofort abrufbar zu sein. 

Heute bezieht die Schweiz diese Backup-Leistung weitestgehend aus der EU. Das System funktioniert zuverlässig und einwandfrei. Wie sieht die in Zukunft aus? Ich denke an verschiedene Szenarien:

Nostalgiker

Die Nostalgiker bringen den Bau neuer Kernkraftwerke auf den Tisch. Es sprechen jedoch diverse Argumente dagegen. Nicht nur hat sich das Volk bereits für den Ausstieg aus der Atomenergie ausgesprochen. Kernkraftwerke sind auch aus ganz praktischen Gründen für die Leistung von Backup-Energie ungeeignet. Sie sind zu langsam regelbar. Sie sind viel zu teuer und auch nicht finanzierbar. Auch auf der internationalen Bühne lassen sich heute keine Investoren mehr finden, die neue Kernkraftwerke finanzieren. Die bestehenden Kernkraftwerke könnten vielleicht einfach noch länger am Netz bleiben? Auch das würde nichts bringen, denn je älter Anlagen werden, desto unzuverlässiger werden sie und das Risiko für ungeplante Ausfälle steigt. Damit steht fest: Kernkraftwerke sind keine Option.

Gas-und-Dampf-Kombikraftwerke

Könnten Gas-und-Dampf-Kombikraftwerke Abhilfe schaffen? Jein. Theoretisch können sie klimaneutral betrieben werden, was für das Ziel Netto Null 2050 unumgänglich ist. Jedoch kommen solche Kraftwerke typischerweise nicht auf genügend Betriebsstunden, schon gar nicht, wenn sie nur als Backup eingesetzt werden. Was die Anlagekosten wiederum in die Höhe treibt und die Finanzierung erschwert. Auch Gas-und-Dampf-Kombikraftwerke sind keine gute Option für die Bereitstellung von Backup-Leistung.

Import

Die Schweiz könnte ihre Backup-Leistung natürlich weiterhin aus Europa importieren. Eine erprobte Lösung. Zu bedenken ist dabei, dass insbesondere im Winterhalbjahr die Menge an importiertem Strom für den regulären Verbrauch plus die Backup-Leistung relativ gross wäre. Wahrscheinlich so gross, dass sämtliche Stromleitungen maximal ausgelastet wären und kein Spielraum für Fehler und Ausfälle bliebe. Zudem ist nicht klar, wie sich der internationale Stromhandel entwickeln wird, wenn alle Länder sich selber auch mehr Strom besorgen müssen. 

Dezentrale Anlagen

Bleibt also als aus Sicht der aee suisse beste und sicherste Lösung: Eigene, dezentrale Produktionsanlagen in der Schweiz, die den Schweizer Energiebedarf zu einem hohen Grad decken und auch die dafür nötige Backup-Leistung erbringen können. 

Der Selbstversorgungsgrad muss nicht 100 Prozent betragen, ein Lösungsmix ist sicher realistischer und Kosten-Nutzen optimiert. Definitiv klar ist: Der Zubau der erneuerbaren Stromproduktionsanlagen muss – in Kombination mit Energieeffizienzmassnahmen und erneuerbarer Wärme – massiv und vor allem schnell umgesetzt werden. Dass dies gelingt, dafür setze ich mich persönlich und mit der aee suisse tagtäglich ein. Unterstützten Sie uns in der Ausgestaltung nachhaltiger, zukunftsorientierter Rahmenbedingungen und einer erneuerbaren Schweiz.

 

Gianni Operto ist Präsident der aee suisse, Dachorganisation der Wirtschaft für
erneuerbare Energien und Energieeffizienz.
www.aeesuisse.ch